Lehrgeschichten
Neun Wahrheiten
die sich verkleidet haben.
Keine Ratschläge. Keine Modelle.
Geschichten die arbeiten, während du zuhörst.
Die Straße mit dem Loch
Portia Nelson
1
Ich gehe eine Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren. Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.
2
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder im Loch zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lang, herauszukommen.
3
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein — aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.
4
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum.
5
Ich gehe eine andere Straße.
Der entspannte Bogen
Nach Lasko/Seim
Es wird erzählt, dass der alte Apostel Johannes gern mit seinem zahmen Rebhuhn spielte.
Eines Tages kam ein Jäger zu ihm. Er wunderte sich, dass Johannes, der doch so ein angesehener Mann war, spielte.
„Warum vertust du deine Zeit mit Spielen?"
Johannes schaute ihn verwundert an.
„Weshalb ist der Bogen in deiner Hand nicht gespannt?"
„Das darf man nicht", gab der Jäger zur Antwort. „Der Bogen würde seine Spannkraft verlieren, wenn er immer gespannt wäre. Wenn ich einen Pfeil abschießen wollte, hätte er keine Kraft mehr."
„Junger Mann, so wie du deinen Bogen immer wieder entspannst, so musst du dich selbst auch immer wieder entspannen und erholen."
Die fromme Schlange
Ramakrishna
Eine giftige Schlange lebte auf einer Weide. Alle hatten Angst vor ihr.
Eines Tages kam ein Weiser vorbei. Er gab der Schlange ein heiliges Wort und sagte: „Füge niemandem Schaden zu."
Die Schlange gehorchte. Sie biss nicht mehr.
Die Kuhhirten merkten es. Sie warfen Steine. Sie schlugen sie auf den Boden. Sie glaubten, sie sei tot.
Ein Jahr später kam der Weise zurück. Die Schlange war mager, verletzt, fast verhungert.
„Was ist passiert?"
„Ihr habt mir aufgetragen, niemanden zu verletzen."
Der Weise rief:
„Ich habe dir aufgetragen nicht zu beißen. Aber habe ich dir das Zischen verboten?"
Als ich mich selbst zu lieben begann
Charlie Chaplin, 16. April 1959
Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich verstanden, dass ich immer und bei jeder Gelegenheit
zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin
und dass alles, was geschieht, richtig ist —
von da an konnte ich ruhig sein.
Heute weiß ich: Das nennt man Vertrauen.
Als ich mich selbst zu lieben begann,
konnte ich erkennen, dass emotionaler Schmerz und Leid
nur Warnungen für mich sind, gegen meine eigene Wahrheit zu leben.
Heute weiß ich: Das nennt man Authentisch sein.
Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen,
und konnte sehen, dass alles um mich herum
eine Aufforderung zum Wachsen war.
Heute weiß ich, das nennt man Reife.
Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben,
und ich habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen.
Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht.
Heute weiß ich, das nennt man Ehrlichkeit.
Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war,
von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen
und von allem, das mich immer wieder hinunterzog.
Anfangs nannte ich das gesunden Egoismus,
aber heute weiß ich, das ist Selbstliebe.
Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, immer recht haben zu wollen,
so habe ich mich weniger geirrt.
Heute habe ich erkannt: das nennt man Demut.
Als ich mich zu lieben begann,
da erkannte ich, dass mich mein Denken
armselig und krank machen kann.
Als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte,
bekam der Verstand einen wichtigen Partner.
Diese Verbindung nenne ich heute Herzensweisheit.
Wir brauchen uns nicht weiter
vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen
mit uns selbst und anderen fürchten,
denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander
und es entstehen neue Welten.
Heute weiß ich: Das ist das Leben.
Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte
Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, im nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen, ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin.
Ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen, Sonnenuntergänge betrachten, mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen.
Ich würde mehr Eiscreme und weniger Bohnen essen.
Falls ich noch einmal leben könnte, würde ich mit leichterem Gepäck reisen.
Ich würde im Frühling früher anfangen, barfuß zu laufen, und im Herbst später damit aufhören.
Ich würde öfter tanzen gehen. Ich würde öfter Karussell fahren, mehr Sonnenaufgänge anschauen und öfter mit Kindern spielen.
Ich würde mehr Gänseblümchen pflücken.
Der Weg zum Himmel
Mündliche Überlieferung
Ein Mann und sein Hund gingen eine Straße entlang. Dem Mann wurde bewusst, dass er bereits verstorben war. Der Hund neben ihm war ebenfalls schon vor Jahren gestorben.
Sie kamen zu einer hohen, weißen Steinwand aus feinstem Marmor. Ein Gatter aus Gold. Ein Mann hinter einem Schreibtisch.
„Dies ist der Himmel. Kommen Sie herein. Wasser steht bereit."
„Darf mein Freund auch herein?"
„Haustiere sind hier nicht erwünscht."
Der Mann überlegte. Dann wandte er sich ab und ging mit seinem Hund weiter.
Später: eine schmutzige Anhöhe. Ein offenes Bauernhofgatter. Ein Mann der gegen einen Baum gelehnt las.
„Hätten Sie Wasser für uns?"
„Dort ist eine Pumpe. Für den Hund liegt eine Schüssel bereit."
„Was ist dies hier für ein Ort?"
„Dies hier ist der Himmel."
„Aber der Mann die Straße hinunter sagte dasselbe."
„Oh, Sie meinen den Ort mit dem goldenen Weg? Nein — das ist die Hölle."
„Macht es Sie nicht wütend, dass dort der gleiche Name verwendet wird?"
„Nein. Wir sind sehr glücklich darüber, dass dort all jene Leute aussortiert werden, die ihre besten Freunde einfach zurücklassen würden."
Der Magier
John Fowles, The Magus
Ein junger Prinz glaubte an alles — mit Ausnahme von drei Dingen. Er glaubte nicht an Prinzessinnen, nicht an Inseln, nicht an Gott. Sein Vater, der König, sagte ihm: solche Dinge gäbe es nicht.
Eines Tages lief der Prinz fort und kam in das Nachbarland. Dort sah er Inseln. Und Prinzessinnen. Und einen Mann in Abendgala der sagte: „Ich bin Gott."
Der Prinz kehrte heim. „Ich habe Gott gesehen!"
Der König lächelte. „Waren die Ärmel seines Fracks hochgeschlagen? Das ist die Kleidung eines Magiers. Du bist getäuscht worden."
Der Prinz kehrte zurück zum Strand. „Mein Vater sagt, Sie sind ein Magier."
Der Mann lächelte. „Dein Vater ist auch ein Magier."
„Ich muss die Wahrheit wissen. Die Wahrheit jenseits der Magie."
„Es gibt keine Wahrheit jenseits der Magie."
Der Prinz war von Trauer erfüllt. „Ich werde mich umbringen." Der König ließ den Tod erscheinen. Der Tod stand in der Tür. Der Prinz erschauerte.
Er erinnerte sich der schönen aber unwirklichen Inseln. Und der unwirklichen aber schönen Prinzessinnen.
„Also gut", sagte er. „Ich kann es ertragen."
„Du siehst, mein Sohn — auch du beginnst, ein Magier zu sein."
Die Schnitzeljagd
Mündliche Überlieferung
Ein Vater schickte seine zwei Söhne in die Welt. „Hinterlasst Spuren auf eurem Weg."
Der ältere Bruder knüpfte Knoten in Grashalme, brach Zweige, bohrte Äste in die Erde, legte Steine. Er war so beschäftigt Spuren zu hinterlassen, dass er kaum etwas von der Umgebung wahrnahm.
Der jüngere ging in eine Herberge, aß und trank mit den Menschen, erzählte woher er kam und lauschte aufmerksam ihren Erzählungen.
Als die Brüder zurückkehrten, folgte der Vater ihrem Weg. Den jüngeren empfing man überall freundlich. Den älteren erkannte niemand.
„Warum erkennt mich niemand?"
„Es gibt noch andere Spuren als Grashalme und Steine, mein Sohn. Es sind die Zeichen die ein Mensch in den Herzen anderer hinterlässt. Die Zeichen in den Herzen der Menschen leben noch, wenn Halme und Zweige schon lange verdorrt sind."
Tag wie Nacht
Indische Tradition
Ein Guru fragte seine Schüler: „Wie unterscheidet ihr das Ende der Nacht vom Beginn des Tages?"
„Wenn man in der Entfernung ein Tier sieht und erkennt ob es eine Kuh oder ein Pferd ist."
„Nein."
„Wenn man einen Baum sieht und erkennt ob es ein Mangobaum ist."
„Wieder falsch."
„Also wie denn?"
„Wenn man in das Gesicht eines Mannes blickt und darin seinen Bruder erkennt. Wenn man in das Gesicht einer Frau blickt und in ihr seine Schwester erkennt. Wer dazu nicht fähig ist, für den ist — wo immer die Sonne auch stehen mag — Nacht."
Neun Geschichten. Neun Einladungen.
Nimm mit, was zu dir spricht.
Lass liegen, was noch nicht dran ist.
„Schweig... und lass dir von der Stille die Geheimnisse der Welt erzählen.“
Rumi
HANERO Klartext. Impulse für Führung unter Druck.
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